Ein Haus. Viel Geschichte

Eine Villa zur Hochzeit – die romantische Geschichte der Villa Vollmann

1922 - Villa im Bau
1922 - Villa im Bau

Der junge Baumeister Hans Vollmann fand seine große Liebe nicht etwa in der großen Stadt, sondern auf dem Höhenzug Finne. Unklar ist, ob Vollmann für einen Auftrag nach Lossa kam, was angesichts des Happy Ends auch eher nebensächlich wird: Hans verliebte sich in Ida, die Tochter der reichsten Bauernfamilie im Ort. Der Antrag ließ nicht lange auf sich warten. Nicht nur aus einem beruflichem Antrieb heraus war es für Vollmann Ehrensache, seiner Braut ein schönes Haus und dem bald frisch vermählten Paar ein Nest mit ausreichend Platz für eine Familie sowie Räumlichkeiten für seine Tätigkeit als Baumeister zu schaffen, die er hier fortsetzen wollte. Finanzieren sollten das Vorhaben Vollmanns künftige Schwiegereltern.

Die Villa vermutlich in den 1940er Jahren
Die Villa vermutlich in den 1940er Jahren

Im Sommer 1921 waren die Baupläne vollständig und das Konzept für den Bau stand. Anhand der Pläne wurde jedoch schon vor der Grundsteinlegung deutlich, dass Hans Vollmann seiner zukünftigen Frau nicht nur ein schnödes Wohnhaus in die Landschaft setzte. Allein die erste innenliegende Toilette in Lossa dürfte wohl für einigen Gesprächsstoff gesorgt haben.

Mit der Fertigstellung des Rohbaus 1922 offenbarte sich schließlich: Das Haus würde eine Villa werden, die sich in Form und Gestalt deutlich von den umliegenden Vier-Seiten-Höfen unterschied. Und spätestens als Holzverkleidung und Fensterläden ihre Farbgebung bekamen, war der Skandal perfekt: Die Villa Vollmann war bunt und folgte mit ihren Blau-, Rot- und Gelbtönen einem gefeierten wie belächelten architektonischen Vorbild, geschaffen von einer Berühmtheit des avantgardistischen Städtebaus dieser Zeit.

„Wir bekennen uns zur farbigen Architektur“ – Bruno Taut und „Das bunte Magdeburg“

Bruno Taut (1880 - 1938)
Bruno Taut (1880 - 1938)

Vorbild für das architektonisch-visuelle Konzept der Villa Vollmann waren die avantgardistischen Ideen des Architekten und Stadtplaners Bruno Taut. Als einer der Hauptvertreter der Bewegung Neues Bauen mit dem Bauhaus als Stellvertreter wurde Taut 1921 als frisch ins Amt gehobener Stadtbaurat Magdeburgs führender Kopf bei der Umsetzung des Generalsiedlungsplans unter Anleitung des sozialdemokratischen Bürgermeisters Hermann Beims. Mithilfe eines jungen Stabs an Gleichgesinnten entstanden die durch die Industrialisierung so dringend benötigten Siedlungsbauten, die bezahlbaren Wohnraum für viele Menschen schufen. Ziel während seiner dreijährigen Amtszeit war die Verwandlung Magdeburgs in eine farbige Stadt:

Die vergangenen Jahrzehnte haben durch ihre rein technische und wissenschaftliche Betonung die optische Sinnenfreude getötet. Grau in graue Steinkästen traten an die Stelle farbiger und bemalter Häuser... Wir bekennen uns zur farbigen Architektur

Die Otto-Richter-Straße in Magdeburg
Expressionistisches Gesamtkunstwerk: Die Otto-Richter-Straße in Magdeburg als Aushängeschild des Wirkens Bruno Tauts während seiner Zeit als Stadtbaurat 1921 bis 1924

schrieb er zur Umsetzung seiner Ideen, die in etlichen Großstädten für Aufsehen und Kritik gleichermaßen sorgten.

Allein 1922 wurden in der Magdeburger Innenstadt 80 Fassaden nach den Entwürfen Tauts sowie seines Mitarbeiters und Leiters des Entwurfsbüros im Hochbauamt, Carl Krayl farbig gestaltet, u.a. die des Kaufhauses Barasch am Breiten Weg. Getreu dem Motto „mehr ist mehr“ umschloss die Kreativität der Architekten gelb verputzte Häuser mit rot umrandeten, mehrsprossigen Fenstern in der Völpkerstraße und die Fassaden in der Otto-Richter-Straße, ein expressionistisches Gesamtkunstwerk.

Das Zusammenspiel von Architektur, Kunst, Design und sozialer Verantwortung setzte sich in den Häuser fort. Klug geschnitten, boten die Wohnungen der Siedlungsbauten mit ihren ca. 65 Quadratmetern vier Personen Platz. Gleichsam bunt ging es hier auch weiter: Jeder Raum wurde vor dem Erstbezug in einer anderen Farbe gestrichen.

Buntes Haus in Magdeburg

All diese Impulse Bruno Tauts und seines bewundernd wie spöttisch genannten „bunten Magdeburgs“ im Gepäck, schuf Baumeister Hans Vollmann zeitgleich seine Villa des Neuen Bauens.

Nach Jahrzehnten aus Dornröschenschlaf erwacht – die Sanierungsphase 2018

Gerüst Südseite Villa Vollmann

Etwa zur politischen Wende in Deutschland starb Ida Vollmann mit 90 Jahren in der Villa, lange nach ihrem Mann, der ihr das Haus einst zum Geschenkt gemacht hatte. Seither war das Gebäude stets in Familienbesitz; die Kinder und Enkel vermieteten die Räumlichkeiten zimmer- und etagenweise, hielten es jedoch nur notdürftig instand. Bis Mitte der 2000er Jahre erstmals der Besitzer außerhalb der Familie wechselte, sah die Villa viele Menschen kommen, wohnen und wieder gehen. Ab 2018 nahmen sich die nächsten und letzten Eigentümer dem mittlerweile sehr in die Jahre gekommenen Gemäuer an. Der Plan: Die Sanierung und Rekonstruktion der denkmalgeschützten Villa Vollmann, wie sie ihr Erbauer einst plante. Die Holzverkleidung, Dachkästen und Fensterläden bekamen nach kompletter Erneuerung die originale Farbgebung nach dem Vorbild des „bunten Magdeburgs“ zurück, der grobe Putz wurde mit Knottenwurftechnik erneuert, sämtliche Fenster aufgearbeitet, aber im Ursprung belassen.

Erdgeschoss

Durch ein Loch im Dach der Villa sickerte Wasser bis in die untere Etage und verursachte über die Jahre des sporadischen Bewohnens einen Schwammbefall, der sich über den gesamten Parkettboden, Türzargen und die Treppe bis auf das Treppenpodest ausbreitete. Sämtliche Holzbauten mussten bis auf das Steingewölbe entfernt, vernichtet und denkmalgerecht erneuert werden.

Erste Etage

Im Flur wurde ein Teil der originalen Wandbemalung erhalten. Sämtliche Heizkörper und Radiatoren im Haus wurden zusätzlich installiert, denn die Familie Vollmann heizte ausschließlich mit Ofenwärme. Laut originalem Bauplan als Fremdenzimmer angedacht, wird der Raum links des Treppenaufgangs heute als Badezimmer genutzt, ursprünglich befand es sich rechts der Treppe, wovon heute noch ein erhaltender Teil des Ölsockels berichtet.

Bilderstrecke (11 Bilder)

Südseite vorher
Putz mit Kottenwurf
Dachboden während der Sanierung
Erstes Obergeschoss
Abriss der Scheune
Der Eingangsbereich
Sanierung der Treppe
Ostseite vorher
Ostseite nachher
Nord-West-Seite vorher
Westseite nachher

Dachgeschoss

Während Hans und Ida Vollmann die Villa bewohnten, diente das Dachgeschoss als Schlafort für die Gesellen des Baumeisterbetriebs und das Hausmädchen.

Zu Sanierungsbeginn lagerten hier etwa 3000 Biberschwanzziegel, die aber laut Fachurteil durch die lange Lagerung unter einem undichten Dach nicht mehr zu verwenden waren. Die obere Etage der Villa Vollmann ist heute ein separater Wohn- und Schlafbereich für Künstler, Musiker und Freunde des Hauses.

Garten und Scheune

Bereits im Januar 2018 wurde fast die gesamte ältere Restscheune hinter der Villa abgetragen, da drei Seiten des Gebäudes bereits eingefallen waren. Dies ermöglichte einen freien Blick und Zugang in den wieder freigelegten und rekultuvierten Garten. Hier finden, wie in der Villa selbst, regelmäßig kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte statt.